Jesus Christus spricht: Es ist vollbracht!

Johannes 19,30

joomplu:844Als Kenner der biblischen Texte wissen wir, dass hier nicht der Ausruf eines Häuslebauers dokumentiert ist, der bei der Hauseinweihung jenen Ausruf tätigt und auch nicht der des Wengerters, der die Lese für beendet erklärt. Und doch schwingen diese Bedeutungen mit, wenn das Wort vollbracht ins Spiel kommt.

Im Deutschen begegnet uns an vielen Stellen die kleine Silbe „tele“. Telefon, Television und viele weitere Begriffe sind von dieser Silbe geprägt. Unsere Übersetzungen führen uns dabei zunächst ein wenig in die Irre: Tele-fon = fern hören, Tele-vision = fern-sehen. Tele klingt also zunächst nach fern, meint aber eigentlich, das etwas beendet wird. In unserer Silbe tele steckt das griechische telos, das Ziel. Aber nicht in unserem oft gebräuchlichen Sinne. In Telos, dem Ziel, ist eine Wandlung verborgen. Telos, das Ziel, das Ende bezeichnet eine Grenze oder einen Zeitpunkt, an dem eine Person oder eine Sache aufhört, das zu sein, was sie oder es bis dahin war. Telos, das Ziel, das Ende meint eine Vollendung, eine Erfüllung, das Erreichen der Vollkommenheit. Telos, das Ziel, das Ende meint damit nicht die Auslöschung, die Negierung, das Vorbeisein von etwas oder wem, dafür kennt das Griechische einen anderen Begriff.

Im Wort vollbracht steckt eine sprachliche Variante von telos, dem Ziel, dem Ende, nämlich teleo. Teleo steht für vollendet sein, auf dem Höhepunkt einer Sache angekommen sein, etwas in sich zur Vollendung gebracht haben, ohne dass es vorbei wäre oder gar verschwunden.

Wenn der Häuslebauer also zum Abschluss seines Werkes ausruft, es ist vollbracht, nutzt er also den richtigen Begriff. Es ist vollendet. Der Bau an sich ist vorbei. Keine Handwerkstätigkeiten mehr, keine Bautätigkeiten mehr, alles ist fertig, alles ist gut, alles ist einzugs- und wohnbereit. Das ist doch das Eigentliche. Kein Häuslebauer baut um des bloßen Bauens sein Haus, sondern er baut, damit das Haus bezogen und bewohnt werden kann. Ja, der Bau ist vollbracht, aber das eigentliche Leben in diesem vollbrachten Bau beginnt jetzt. Das Leben zieht jetzt ein, der eigentliche Sinn des Bauens erfüllt sich jetzt.

Ähnlich geht es dem Wengerter. Die Lese ist abgeschlossen, die Trauben gekeltert, der Most abgefüllt. Das Werk ist vollbracht, teleo, vollendet, abgeschlossen. Aber vom fertigen Wein ist noch längst keine Spur. Ein längerer Prozess von Wandlung und Reife ist notwendig, damit aus dem Most ein gutes Viertele werden kann, das man dann auch gerne schlotzt.

Diese Wirklichkeiten von Wandlung, Veränderung und doch auch Zielerfüllung, und Vollendung stecken alle mit drin im Wort „vollbracht“. „Es ist vollbracht!“, ruft Jesus am Kreuz aus und beendet damit sein irdisches Leben als ganz Gott und zugleich wahrer Mensch. Allein diese schöne dogmatische Lehraussage überfordert schon mein Verstehen. Zugleich ganz Mensch und wahrer Gott?! Das verstehe ich nicht mehr, das kann ich nur noch glauben. Glauben, darauf vertrauen, dass es so ist, in den Tiefen meines Verstandes verankert ist die Aussage nicht. Jesu irdisches Leben als wahrer Gott und zugleich ganz Mensch ist vollbracht. Vollendet, ins Ziel eingelaufen! Teleos! Was nun kommt, das übersteigt unser aller Fantasie nur noch umso mehr. Neues Leben, ewiges Leben, eine neue Schöpfung, eine neue Kreatur brechen sich unaufhaltsam Bahn! „Das Alte ist vergangen“, staunt der Apostel Paulus, „Neues ist geworden!“ (2.Kor 5,17) In Christus wird bahnbrechend, wegweisend Neues. In diesem „Es ist vollbracht!“ am Kreuz liegen die Wurzeln des neuen Lebens, der Freiheit und der Erlösung! Es ist vollbracht, teleos, ins Ziel geführt, auf den Punkt genau erfüllt, hundert Prozent ins Schwarze getroffen. Deswegen sind auch alle Zielverfehlungen, alle Abweichungen, die neutestamentliche Verfasser Sünde nennen, nicht mehr todbringend, denn mit dem „Es ist vollbracht!“ sind alle Todesstrukturen überwunden! Vergebung und Versöhnung brechen sich Bahn!

Was für ein segensreicher Ausblick auch für uns und das gerade beginnende neue Leben, das der Frühling mit sich bringt,

findet Euer Volker Schmidt